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Neu im Kunstareal: der Pavillon 333

Das Kunstareal ist um ein Bauwerk reicher. Direkt neben dem Türkentor, auf der Ostseite der Pinakothek der Moderne, steht seit Kurzem ein imposanter Holzkubus: der Pavillon 333. Wir hatten die Gelegenheit, mit Enrica Ferrucci, der Leiterin des Pavillons, über Idee, Entstehung und Vision dieses neuen Ortes zu sprechen. Enrica Ferrucci hat den Prozess von Anfang an begleitet – vom Entwurf über die Abstimmungsphase mit den zukünftigen Nutzern bis hin zum Bau. Seit September koordiniert sie im Auftrag des Architekturmuseums der TUM das künftige Programm und die inhaltliche Bespielung. Sobald der Neubau eröffnet werden kann, wird sie dort auch Workshops zur Baukulturvermittlung anbieten.

Kommen wir gleich zur wichtigsten Frage: Was dürfen wir im Pavillon 333 erwarten?

Der Pavillon 333 wird eine Schauwerkstatt für Architektur, Design und Kunst – ein Ort, an dem kulturelle Inhalte vermittelt und erlebbar werden, ganz real und ganz unverschnörkelt. Es wird Workshops, Diskussionen, Events und auch kleinere Ausstellungen geben. Als Experimentierfeld im Kunstareal bieten wir hier Spielraum für gemeinsame Projekte, Kooperationen der anliegenden Häuser und informelle Begegnungen mit dem Publikum. Der Pavillon öffnet sich so für jedermann.

Wer kam wann auf diese Idee und wie wurde daraus ein konkretes Projekt?

Der Pavillon wurde als Vermittlungsraum mit Werkstattcharakter auf Initiative der Fakultät für Architektur der TUM ins Leben gerufen. In Form eines so genannten DesignBuild-Projektes wurde es mit Studierenden umgesetzt. Betreut haben das Projekt die Lehrstühle von Hermann Kaufmann und Florian Nagler. Mit der Ausstellung Experience in Action! DesignBuild in der Architektur des Architekturmuseums kam der Link zur Live-Baustelle. Der dringende Raumbedarf für Architektur- und Kunstkommunikation an der TUM sowie an den beteiligten Museen bot uns einen konkreten Anlass zur Umsetzung.

Ab wann beginnt die Bespielung des Pavillons?

Sobald es uns erlaubt ist, soll der Pavillon von TUM, Pinakothek der Moderne und Museum Brandhorst als Vermittlungsort sowie für kleinere Ausstellungen und Events genutzt werden.

Und weiß man schon, wie lange er stehen wird?

Das temporäre Bauwerk wurde zunächst auf ein Jahr genehmigt, bis Ende April 2021. Im Anschluss daran hoffen wir auf Verlängerung. Unser Ziel: mindestens fünf Jahre Bestand und Bespielung!

Bitte schildern Sie uns den Entwurfsprozess.

Die Idee für das im Grunde raumerweiternde Projekt entstand bereits 2017. Das war damals eine Masterthesis mit dem Titel „Wir bauen an!“. Daran konnte in Teilen angeknüpft werden, als die Vorbereitungen für den Pavillonentwurf unter dem Titel „DIE (B)AUSTELLE“ starteten. Im Herbst 2019 wurden aus zahlreichen Bewerberinnen und Bewerbern dann 20 Studierende ausgewählt und durften mitmachen.

Zunächst wurde in Zweiergruppen gearbeitet, also an zehn verschiedenen Entwürfen. Daraus wurden schließlich zwei Projekte ausgewählt. Die Weiterbearbeitungen erfolgten in entsprechend größeren Gruppen. Mit dieser Methode arbeitet man an der TUM im Lehrformat DesignBuild, um den für die Realisierung geeignetsten Entwurf auszumachen. In diesen fließen dann Ideen und Vorschläge aus den anderen Entwürfen ein. Im Dezember 2019 einigten sich Studierende und Lehrende zusammen mit beteiligten Fachplanern, Nutzern und Sponsoren auf einen Entwurf namens „lightroom“. Ein fünfköpfiges Werkplanungsteam arbeitete anschließend weiter, die bauliche Umsetzung wurde geplant und Genehmigungsunterlagen eingereicht. Hierzu bekamen wir im März 2020 ein positives Feedback. Pandemiebedingt konnte dann jedoch erst Mitte Juni mit der Baustelle begonnen werden. Die meisten Studierenden am Bau haben auch am Entwurfsprozess mitgewirkt.

Ist auf dem Weg der Fertigstellung etwas passiert, womit Sie niemals gerechnet hätten?

Nein. Es ist Teil des Architektenberufes, auch unerwarteten Hindernissen mit kreativen Lösungen zu begegnen. Ein Bauprojekt ist bis zum Abschluss ein aktiver Prozess, den Probleme durchaus bereichern können.

Was denken Sie, war die lehrreichste Erfahrung der Studierenden im Entstehungsprozess?

Die Antwort auf diese Frage kommt von den Studierenden: Respekt – vor dem Material selber, vor dem Know-How von Handwerkern und Bauarbeitern, vor der Präzision, die auf einer Baustelle und insbesondere im Holzbau sehr wichtig ist. Ich glaube, sie haben auch an Selbstvertrauen gewonnen und verstanden, dass das eigene gestalterische Hinterfragen eine Stärke ist, obgleich man realistisch bleiben und es irgendwann vorantreiben muss, um zu einem gebauten Ergebnis zu gelangen. Die Studierenden am Bau waren fleißig, lernbegierig, klug und vor allem zäh.

Und nun bitte noch ein paar Hardfacts: Größe, Ausstattung, verwendete Materialien, Arbeitsstunden …

Der Pavillon ist ein 12,5 auf 12,5 Meter großer und 6 Meter hoher Kubus in Holzbauweise. Unter der Decke sichtbar von einem Hebel-Stab-Werk überspannt, erinnert das Haupttragwerk an eine Mühle, durch die der ungerichtete Raum ästhetisch wie konstruktiv sofort erlebbar wird. Die transluzente Hülle aus Polycarbonat wird an vier Stellen durch transparente Glasfelder abgelöst, so auch an den beiden Eingängen, wodurch ein vorerst geordnetes Wechselspiel aus direktem und indirektem Licht entsteht. Ergänzend gibt es einen raumhohen Vorhang, der nach Wunsch rundum geschlossen oder geöffnet werden kann. So können Licht und Schatten, aber auch Wärme und Kühle dosiert werden. Er sorgt praktisch für zunehmende Behaglichkeit und spielt gestalterisch mit den klaren Konturen des Pavillons. Im Außenraum lädt ein umlaufender Holzsteg mit Sitzmöglichkeiten zum Verweilen ein, im Inneren ist der Raum einfach, aber sorgfältig möbliert. Der Pavillon ist in erster Linie eine Werkstatt – Konstruktion, Mobiliar und Oberflächen sind robust und ehrlich und doch ist die Atmosphäre einladend, irgendwie würdevoll, ja fast elegant.

Die Arbeit, die in diesen Bau eingeflossen ist, lässt sich in Stunden kaum beziffern. Wollte man die gelisteten Arbeitszeiten addieren, fehlten in der Summe etliche Spontaneinsätze,  eingeschobene Besorgungsfahrten, eingehende Besprechungstermine, verlängerte Chatverläufe, verkürzte Urlaube, kurzum: sehr viel investierte Freizeit von Seiten der Studierenden, aber auch sämtlicher Assistenten, die den Bau des Pavillons begleitet und betreut haben.

Apropos Arbeitsstunden: Wie viele Studierende waren auf der Baustelle zugange und von wann bis wann?

Am Bau waren 17 Studierende und 9 Betreuer beteiligt. Beginnen durften wir, als das gemeinsame Arbeiten nach dem ersten Lockdown wieder möglich war. Es durften aber immer nur maximal fünf gleichzeitig vor Ort sein. Die Regelarbeitszeiten waren ab Juni von Montag bis Freitag, 8 bis 18 Uhr, samstags findet neben dem Pavillon ein Wochenmarkt statt und sonntags hatten wir frei.

Letzte Frage: Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden und worauf freuen Sie sich jetzt am meisten?

Ich bin nicht nur zufrieden, ich bin begeistert. Am meisten freue ich mich darauf, den Pavillon mit Leben zu füllen – natürlich mit meinen eigenen Bauworkshops, ich gebe es zu –  und schlussendlich mit allen Beteiligten die Türen zu öffnen: für Kultur, Vielfalt und Zuversicht.

Das Gespräch führte Laura Schieferle

 

Enrica Ferrucci – zur Person

Nach mehrjähriger Tätigkeit als Architektin widmet sich Enrica Ferrucci seit 2017 gezielt der Baukulturvermittlung. Mit ichbaumit geht sie beispielsweise in Museen, auf Kulturveranstaltungen und an Schulen und gestaltet Formate für unterschiedliche Altersklassen, bei denen das Betrachten von Architektur, Design und Kunst mit praktischen Tätigkeiten gepaart wird. Mit ihren Bauworkshops will sie vor allem bei Kindern und Jugendlichen Interesse an Baukultur wecken, aber auch deren Selbstvertrauen fördern. Mit dem Ziel, dass in Zukunft aufmerksamer mit der gebauten Umwelt umgegangen wird. Beim Kunstareal-Fest 2019 entstanden so beispielsweise diese Insektenhotels


Foto: Matthias Kestel